Daniel Bechteler
RDG gk Deutsch K13/Ma
2. Klausur aus dem Fach Deutsch
am 12. März 1999

Max Frisch: " Stiller "
Über die Ich-Position des Erzählers

a) Fassen Sie die Aussagen Max Frischs aus der Anlage zusammen
b) Erläutern Sie anschließend, auf welchen Ebenen sich das Auseinanderfallen
    von Ich und Rolle für den Tagebuchschreiber in Frischs Roman "Stiller" als
    Problem darstellt!
c) Interpretieren Sie vor dem Hintergrund der letzten These die ´Höhlengeschichte´
    (Stiller, S. 156-176)!
NB: Der Arbeit ist eine Gliederung beizufügen!

Arbeitszeit: 260 Minuten

A: Einleitung - Der Konflikt des eigenen Seins

B:     I:     Die zusammengefassten Aussagen von Max Frisch

       II:     Die drei Problem-Ebenen im Bezug auf Ich und Rolle

                    1. philosophische Ebene
                        a) "Wer bin ich?"
                        b) "Was ist die Wahrheit?"

                    2. religiöse Ebene
                        a) Der fehlende Glaube an eine "absolute Realität"
                        b) Die Bildnisproblematik

                    3. soziale Ebene
                        a) Das aufgezwängte Rollenbild

      III:     Die Interpretation der Höhlengeschichte

C: Schluss - Das Aufsetzen einer neuen Rolle ändert nichts an der grundlegenden
                  Problematik der aufgesetzen Rolle.

Bin ich das, als was ich mich darstelle, oder bin ich das, als was mich die anderen sehen? In Max Frischs Roman "Stiller" werden diese beiden Fragen immer wieder aufgeworfen, stellen sie doch einen der zentralen Aspekte des Romans, nämlich den Konflikt zwischen "wirklichen Ich" einerseits und einer "abgebildeten Rolle" andererseits dar. Die Auseinandersetzung, wie mit der langsamen Erkenntnis dieses Problems verfahren werden soll, stellt nicht nur die Hauptperson des Romans "Stiller" vor existentielle weitere Fragen, sondern dient auch dem Autor dazu, dem Leser tiefgreifende Fragen über die eigene Persönlichkeit zu stellen.

Anfangs soll nun hier, zur besseren Darstellung der Problematik, die Meinung des Autors selbst über die Position des Ich-Erzählers kurz dargestellt werden. 
Für Frisch stellt die Position des Ich-Erzählers eine Grundfrage der modernen Epik dar. Für ihn ist es wichtig eine klare Trennung zwischen dem Erzähler-Ich und seinem privaten Ich in den Vordergrund zu stellen. Jedoch stellt er dar, dass jedes sich aussprechende Ich auch immer eine Rolle sei. Im Bezug auf die Charaktere gibt er an, dass jeder Mensch sich eine bzw. eine Reihe von Geschichten erfinde, die er verteidigt oder mit Fakten belegt, so dass an ihrer Wirklichkeit schwer zu zweifeln sei. Trotzdem würden diese Geschichten auswechselbare Erfindungen bleiben. So seien auch, auf Basis verschiedener Ich-Erfindungen, mit ein und den selben Vorkommnissen gleich eine Zahl von Lebensgeschichten zu erzählen oder zu leben, was Max Frisch als unheimlich bezeichnet. Für Frisch ist jedes erzählende Ich eine Rolle und damit jede erzählbare Geschichte eine Fiktion. So besitzen Menschen für ihn Erfahrungen und Erlebnismuster und es seien die während des Schreibens und Lebens erfundenen Geschichten, die diese ausdrückten und lesbar machten. Erfahrung sei dabei bei Frisch ein Einfall und nicht das Ergebnis aus Vorfällen, denn alleine ein Vorfall würde einer großen Vielzahl an Erfahrungen dienen. Für Frisch scheint jedoch das Erzählen von Geschichten das einzige Mittel zu sein, mit dem sich diese Erfahrungen darstellen lassen, wobei die Geschichten aus der Erfahrung hervorgehen.

Nach der Darstellung der Autorenmeinung soll nun näher auf den Tagebuchschreiber in Frischs Roman "Stiller" eingegangen werden. Die Frage, auf welchen Ebenen sich das Auseinanderfallen von Ich und Rolle für ihn als Problem darstellt, soll im Folgenden erläutert werden.

Als erste Ebene ist die philosophische zu nennen. Die zentrale Frage: " Wer bin ich? ", stellt sich hierbei für den Tagebuchschreiber als eine grundlegende Problematik dar. Der Tagebuchschreiber, der vorgibt, White zu sein, dessen Vergangenheit jedoch die Lebensgeschichte von Stiller ist, wird im Laufe der Handlung immer mehr mit dieser sich selbst gestellten Frage konfrontiert. Es erscheint ihm anfangs klar, dass Stiller eine ihm von außen aufgezwängte Rolle ist, mit der ihn nichts verbindet. Im fortwährenden Kontakt mit Stillers Vergangenheit beginnt er jedoch langsam und unbewusst und dann immer stärker auch wieder eine Reidentifikation mit Stiller, wobei es zum Ende des Romans hin so erscheint, dass White letztendlich zu einer vergangenen Rolle von ihm geworden ist. Der Tagebuchschreiber hatte letztendlich also mit zwei verschiedenen Rollen und zusätzlich mit seinem eigenen, oft unentdeckten, Ich zu tun, welches sich hinter diesen Rollen aus Geschichten und Fakten verbarg. Es gelang ihm also weder durch die von Anfang an ihm aufgezwängte Stiller-Rolle, noch durch die selbst gewählte White-Rolle sein Ich als das zum Ausdruck zu bringen, dass es wirklich ist. Durch dieses auseinandergefallene Selbst gelang es ihm damit auch nicht für sein wirkliches Ich zu stehen und einzutreten bzw. eine Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.
Das die Verwirklichung seines Ichs nicht glückte, hat auch mit einer anderen Frage des Tagebuchschreibers zun tun, nämlich der Frage: "Was ist die Wahrheit?" Der Tagebuchschreiber geht die Frage nach der Wahrheit sehr subjektiv an. Und so ist es auch bei beiden verwendeten Rollen zu erkennen die in ihm verkörpert liegen. So geschieht bei beiden eigentlich der Vorgang der Selbsttäuschung: bei White durch den Vortrag der subjektiven Lebensgeschichten, welche sich letztendlich als erfunden herausstellen, und bei Stiller durch die subjektive Betrachtung seiner Situation, welche unter objektiven Standpunkten ganz andere Erkenntnisse und Möglichkeiten geboten hätte. Bei der Frage nach der Wahrheit ist hier erkennbar, dass sie nur unter Berücksichtigung der Rolle und der damit verbundenen subjektiven Gefühle beantwortet wird. Da jedoch Stiller und White beides Rollen sind, kann der Begriff der Wahrheit für das wirkliche Ich immer weniger gelöst werden, je weiter es sich von diesen entfernt.

Das oben genannte Problem spielt damit in die zweite hier zu nennende, die religiöse Ebene hinein. Für den Tagebuchschreiber fehlt der feste Anhaltspunkt oder, wie er es sagt, das Glauben an eine "absolute Realität". Dies scheint ihn dazu zu führen die Wahrheit, bewusst oder auch unbewusst, als subjektiv zu sehen, da ihm kein Anhaltspunkt für die Objektivität zur Verfügung steht. Die "absolute Realität" ist hierbei nichts Anderes als Gott, den er nicht annehmen kann, da er der Meinung ist, ein liebender Gott könnte Stiller nicht als so leidend erschaffen. Und da für ihn nur ein liebender Gott in Frage käme, gibt es für ihn auf Grund des vorliegenden, leidenden Stillers keinen Gott. Und hierin liegt sein Fehler, denn ist Gott nicht sowohl ein liebender wie auch strafender, also gerecht richtender Gott? Aufgrund dieser mangelhaften Betrachtung durch den Tagebuchschreiber im Bezug auf Stiller, schließt er hierbei, dass es auch für sein wirkliches Ich keinen Gott gäbe und beraubt sich dadurch in einem auffallenden Nicht-Auseinanderfallen von Rolle und Ich dem festen Bezugspunkt, welchen er in Gott finden könnte.
Ein weiteres Problem der religiösen Ebene stellt das Erschaffen eines starren, äußerlichen Bildnisses dar. Alle Rollenbilder, welche im Bezug mit dem Tagebuchschreiber sind, stellen mehr oder weniger starre, äußerliche Statuenbildnisse dar. So zwängt er nicht nur sich in sie sondern auch andere wie seine Frau Julika. Das Problem dieser Bildnisse ist, dass das lebendige Leben, also sein wirkliches Ich, sich nicht in ihnen wiederfindet, sie also nur ein geringer Abklatsch dessen sind, was wirklich vorliegt. So wären Bilder, die lebendig nicht nur das Äußere sondern vor allem auch das Innere zum Ausdruck bringen, sehr viel erforderlicher, wobei dies dann keine Statuenbilder mehr, sondern geistig-lebendige Bilder und damit Rollen wären. Da dies jedoch im Verständnis des Tagebuchautors keinen Anklang findet, ist es gerade das Statuenbild seiner Rollen, welches zu einer immer weiteren Abgrenzung von seinem wirklichen Ich führt.

Als letzte Problem-Ebene ist nun noch die soziologische zu nennen. Es ist die Selbstüberforderung, welche der Tagebuchschreiber, soziologisch gesehen, im Laufe der Geschichte als eines seiner Hauptprobleme zu erkennen beginnt. Die Selbstüberforderung zwingt ihn gewissermaßen in Rollen hinein, welche gegen sein wirkliches Ich stehen. Es ist die Selbstüberforderung, die ihn dazu zwingt seine wirklichen Gefühle zu verneinen oder sie umzubenennen. So sind es zu gleicher Maßen die Umwelt um ihn herum aber auch sein eigenes Ego, die in ihm Erwartungen aufbauen, welche zur Selbstüberforderung führen und schließlich zur Selbstentfremdung, also zum Annehmen einer Rolle. Der Tagebuchautor war somit nicht in der Lage die Selbstüberforderung positiv, das heißt durch wirkliche Veränderung seines eigenen Selbst, zu lösen, sondern nur durch eine aufgesetzte Rolle, welche die wirklichen Probleme einfach verdeckte, aber nicht löste. Aus diesem Auseinanderleben von Rolle und wirklichen Ich kam es dazu, dass das Rollen-Ich Dinge tat, die dem wirklichen Ich entgegenstanden, und dadurch zum Verrat an sich selbst. Die von der Gesellschaft vorgebrachten Anforderungen an einen Mann wie Stärke, Mut, Brutalität, Konsequenz, etc. konnte das wirkliche Ich des Tagebuchautors nicht erfüllen. So wurde versucht, dies über eine angenommene, dem wirklichen Ich entgegengesetzte Rolle zu kompensieren. Die daraus folgenden Probleme wie Minderwertigkeitsgefühle, Angst und eine Opferhaltung fielen jedoch immer auf das wirkliche Ich zurück, wo sie ungelöst zurückbleiben mussten. Es war dem Tagebuchschreiber nämlich nicht möglich wirkliches Ich und Rolle zu verbinden um Kontrolle und Bewusstsein über beides zu haben. Es gelang ihm sogar nur sehr selten, und dann auch nur, wenn essentielle Probleme, verbunden mit dem Versagen einer Rolle, vorlagen, von seiner Rolle zum wirklichen Ich zurückzukehren. Die Folge davon war dann die Aufgabe einer nicht mehr haltbaren Rolle, wobei jedoch aus sich heraus kurz danach auch schon der Aufbau der nächsten Rolle erfolgte um die Probleme, am besten wie Ablagerungen, einfach zu zudecken.

Um letztgenanntes zu verdeutlichen kann die Parabel der "Höhlengeschichte" als bestes Beispiel ins Feld gebracht werden. Die vom Tagebuchautor vorgebrachte Parabel der Höhlengeschichte lässt eine tiefenpsychologische Interpretation ihrer metaphorischen Bedeutung zu. Sie stellt das Erinnern Stillers an sein wirkliches Ich dar. Sozusagen die Geschichte seiner Selbst. Dass es sich dabei um eine Tropfsteinhöhle handelt, ist nicht sehr verwunderlich, beschreibt doch der Tagebuchautor das Leben selbst als einen fortwährenden Vorgang der Ablagerung. In dieser Betrachtung verdeckt jeder Lebensabschnitt den vorherigen, obwohl er auf ihm aufbaut. So kann es bei einmaliger Betrachtung nur dazu kommen den obersten Abschnitt zu sehen, die darunterliegenden jedoch nicht, was zu deren Verneinung führen könnte. Das in der Erzählung des Tagebuchautors verwendete Grotten-Motiv ermöglicht es jedoch in verschiedene Stadien der Ablagerung vorzudringen, wodurch letztendlich doch der Einblick in alle Schichten der Lebensablagerungen möglich wird. Der daraus entstehende Überblick kann dabei als Ergebnis einer immer weiter sich zurückerinnernden Reflexion und Selbstbefragung angesehen werden. So ist auch zu erklären, dass der Erzähler erst behutsam in die Höhle vordringt. Es ist die Metapher für die langsame Reflexion über sich selbst. Zuerst allein markiert er seinen Rückweg in die Realität, dem Faden der Ariatne gleich, mit Fackelspuren, und erst als er ein Skelett findet, dreht er um. Dieses Skelett stellt dabei schon den Ausblick auf das Ableben seiner alten Rolle als Stiller dar. Nachdem es dem Erzähler geglückt war, zur Wirklichkeit zurück zu finden, kehrt er nach einigem Suchen mit seinem Kollegen Jim White in die Höhle zurück. Zu zweit stoßen sie nun bis in die tiefsten Abgründe der Höhle vor, was symbolisch für das Vorstoßen in die tiefsten Abgründe der Seele des Tagebuchschreibers steht. In den Tiefen der Höhle geht nun beiden der Proviant aus und ein überhasteter Aufstieg muss beginnen. Bei diesem kommt nun Jim White zu Fall und bricht sich das Bein. Trotz aller Anstrengungen wächst zwischen beiden nun die Zwietracht, und da sich herausstellt, dass der Proviant nur noch für den Aufstieg von einem aus der Höhle reicht, kommt es zum Kampf. Der stärkere Erzähler gewinnt ihn und steigt aus der Höhle auf, Jim White bleibt zurück und stirbt, wobei spätere Besucher sein Skelett finden. Metaphorisch findet die Deutung der eben geschilderten Erzählung anders statt. So steht hierbei Jim White für eine Rolle, eine Rolle, deren Charakteristika der Schwäche eigentlich für Stiller zutreffen. Interpretiert wird im allgemeinen der Kampf zwischen beiden als der Kampf zwischen den zwei Rollen Stiller und White, wobei der lebendige Erzähler, welcher als der Tagebuchautor angesehen werden kann, seine alte Identität Stillers, die mit Jim White stirbt, ablegt und eine neue, unter dem nun freien Namen White, annimmt. Somit kann also das später von den Besuchern entdeckte Skelett in der Höhle als Stillers nun gestorbene Rolle angesehen werden. Der später noch genannte Hinweis auf den Entdecker der Höhle, nämlich auf White, deutet an, dass dies die neue Rolle war, in der der Erzähler die Höhle verließ. Der Erzähler, der die ganze Zeit der gleiche blieb und in der Interpretation mit dem Tagebuchautor gleichzusetzen ist, wechselte also von seinem alten Ich, Stillers-Rolle, zu Jim Whites-Rolle.

Da die Idee der Höhle sowie der angenommenen neuen Rolle gleich blieb, ist jedoch nicht anzunehmen, dass der Tagebuchautor damit eine Veränderung seines wirklichen Ichs vollzug. Es erfolgte lediglich das Aufsetzen einer neuen, vielleicht besser angepassten Rolle, ohne an der grundlegenden Problematik der aufgesetzen Rolle jedoch etwas zu ändern.

Ende

by Daniel Bechteler