Max Frisch : Über die Ich-Position des Erzählers

Die Ich-Position des Erzählers: das ist eine Grundfrage der modernen Epik.
Ganz vordergründig gesprochen: natürlich ist das Erzähler-Ich nie mein priva-
tes Ich, natürlich nicht, aber vielleicht muß man schon Schriftsteller sein, um
zu wissen, daß jedes Ich, das sich ausspricht, eine Rolle ist. Immer. Auch im
Leben. Auch in diesem Augenblick. Jeder Mensch (ich spreche jetzt nicht vom
Schriftsteller, sondern von seinem Helden), jeder Mensch erfindet sich frü-
her oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein
Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die mit Namen und Daten zu
belegen sind, so daß an ihrer Wirklichkeit, scheint es, nich zu zweifeln ist.
Trotzdem ist jede Geschichte, meine ich, eine Erfindung und daher auswech-
selbar. Man könnte mit einer fixen Summe gleicher Vorkommnisse, bloß indem
man ihnen eine andere Erfindung seines Ichs zugrunde legt, sieben verschie-
dene Lebensgeschichten nicht nur erzählen, sondern leben. Das ist unheim-
lich [...].
Was ich meine: jedes Ich, das erzählt, ist eine Rolle. Das ist es, was ich darstellen
möchte. Jede Geschichte, die sich erzählen läßt, ist eine Fiktion. [...] Was wir in
Wahrheit haben, sind Erfahrungen, Erlebnismuster. Nicht nur indem wir schrei-
ben, auch indem wir leben, erfinden wir Geschichten, die unsere Erlebnismuster
ausdrücken, die unsere Erfahrung lesbar machen. Dabei glaube ich, und das ist
entscheidend für die Möglichkeit der Darstellung: Erfahrung ist ein Einfall, nicht
ein Ergebnis aus Vorfällen. Der Vorfall, ein und derselbe, dient hundert verschie-
denen Erfahrungen. Offenbar gibt es kein anderes Mittel, um Erfahrung darzu-
stellen, als das Erzählen von Geschichten: als wären es die Geschichten, aus de-
nen unsere Erfahrungen hervorgegangen sind. Es ist umgekehrt. Die Erfahrung
erfindet sich ihren Anlaß.

(aus: Max Frisch. in: Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. München 1962, 24ff)